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Der einzige Zugang ist Zeit: Das Waldviertel

Stimmen Sie sich ein. Schwärmen Sie. Aber bitte: Fahren Sie nicht hin! Das
Waldviertel zählt nicht auf Sie. Und Ihnen fehlen die Voraussetzungen, es
für sich zu gewinnen. Passend wäre die Hymne vom romantischen,
faszinierenden, idyllischen, mystischen, bezaubernden. Waldviertel. Sie
wissen schon: "Das Gute liegt so nah, daheim, im sanktionsfreien Stauraum,
fernab der freizeitindustrialisierten Internet-Zivilisation...:namespace
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Die Grenzen halten auch ohne eiserne Vorhangschlösser dicht. Wozu künstlich
fremde Kultur? Wir haben eigene Natur pur. Und dies zu vernünftigen
Selbstkostenpreisen. Garantiert keine Germanen-Nepp. Alles echt und
ursprünglich. Wenn sich jetzt noch die "Seele" dazu gesellt, mit der es sich
nirgendwo geruhsamer "baumeln" lässt als dort, dann dürfen Sie sich an
dieser Stelle ausblenden, Ihre Blicke noch einmal über die Fotos streifen
lassen, einmal tief seufzen und "Ach" sagen, "dort muss es schön sein." Und
dann ab in den Süden.

Schwärmen Sie vom Waldviertel, aber bitte fahren Sie nicht hin! Es wäre eine
Fahrt in die falsche Richtung, eine Geisterfahrt gegen die Einbahn, gegen
den Strom, gegen die Landflucht, gegen den Pendlerverkehr, gegen den
Uhrzeigersinn. (Dessen Sinn ist die Schnelllebigkeit mit mittlerweile
bereits drei "l".) Wissen Sie, was Sie dort wirklich erwartet? Über Maissau
- nichts. Unter Litschau - nichts. Hinter Zwettl - nichts. Östlich von Gmünd
- nichts. Westlich von Horn - nichts. Nördlich von Gföhl - nichts. Südlich
von Raabs - nichts. Nichts als Wald und Stein und Feld und Fluss. Ein paar
übrige Häuser in zerstreuten Dörfern, ein paar übrige Menschen in
verstreuten Häusern. Alles wartet. Aber nichts und niemand wartet auf Sie.
Es ist eine lahme Gegend, ehrlich. Die Landschaft tut nichts. Sie liegt
einfach nur da und spult die Jahreszeiten herunter. Man kann sie fixieren,
fotografieren, malen und beschreiben. Sie hält dafür still. Aber sie selbst
schenkt Ihnen nichts. Sie wirbt nicht um Sie. Sie geizt mit touristischen
Attraktionen. Sie verteilt keine Reize. Sie lässt Sie mit sich im Stich.

Fahren Sie nicht hin! Sie hätten dort hart zu arbeiten, unentgeltlich zu
schuften. Sie müssten dahinter kommen, was hinter "nichts" steckt, um
befriedigt zu sein. Übernehmen Sie sich nicht. Sie haben den Kopf dafür
nicht frei. Sie sind Wochenend-"Ausflügler": Hinflug, Rückflug, Absturz in
den Werktag. Schade um jede verlorene Minute Zwischenaufenthalt im Nichts-
und Niemandsland. Das echte Waldviertel, das sich angreifen lässt, ist
unmystisch und unbezaubernd. Es ist ungeschminkt, nicht hergerichtet,
unaufgeräumt. Es hat nicht mit Besuch gerechnet. Noch nie. Es hat nichts
vorbereitet. Es ist verschlossen.

Der einzige Zugang ist Zeit. Nur wer alles riskiert und sie sich nimmt, ist
plötzlich drinnen. Nicht böse sein: Das schaffen Sie nie. Denken Sie bitte
an Ihre Karriere. Das Jahr ist kurz und schmerzhaft genug für die, die dort,
schicksalsbedingt verwurzelt, vom Boden leben. Ende August fallen die ersten
Nebelschwaden ein. Im November ist das Land darunter verschwunden. 100 Tage
im Jahr verharrt alles in sich. Die Autos stehlen sich in der Früh aus den
Dörfern und schleichen sich wieder zurück, wenn es dunkel ist. Menschen, die
man auf der Straße erwischt, verkriechen sich gerade. Die Jungen sind fort,
sie arbeiten in der "Stadt", auf der Suche nach ihrem Begriff vom Leben im
Jahr 2000. (PS und Disco). Die Alten sitzen daheim und sehen fern aus
kleinen Kästen, auf der Suche nach ihrem Begriff von Welt im Jahr 2000.
("Reich und schön").

Im Frühjahr hat das Waldviertel immer wieder ein paar Wochen verloren, jedes
Jahr aufs Neue. Sie fehlen nicht, fallen nicht auf, nicht ins Gewicht, der
Zeitrückstand ist bereits zu groß. Der Boden wird später grün vom Gras, wenn
auch grüner als anderswo. Später gelb vom Raps, freilich tiefer gelb. Später
blau von den Kornblumen. (Dachten Sie wirklich, es gäbe keine Kornblumen
mehr?) Und dann, im Sommer, wo weltweit die Farben verbleichen, klatscht
Ihnen der Mohn in sattem Rot in Ihre lichtempfindlichen Großstadt-Augen.
Achtung! Pollenwarnung. Nicht hinfahren! Schauen Sie sich lieber daheim die
Fotos an.

Haben wir schon vom Klima gesprochen? Rau, rau, rau. Tschechien lässt alle
Fronten durch. Im Winter bleibt der Schnee oft wochenlang liegen, bis sich
der Südföhn seiner erbarmt. Das halbe Waldviertel wird zur Naturloipe
erklärt. Sie müssten sich also auch noch um Langlaufskier kümmern. In den
vergangenen Jahren wurden im Schnitt mehr Sonnenstunden gezählt als in
Kärnten. (Niemand hatte das verlangt.) Im Sommer rechnen Sie gnädigst mit
vier Grad weniger (34 Grad in Krems, 30 Grad in Zwettl). Sie wandern gern? -
Schön. Da gibt es den Wienerwald, die Bucklige Welt, die Tiroler Kalkalpen.
Vergessen Sie das Waldviertel: Es bietet zu viele Möglichkeiten. Sie wüssten
nicht, wo sie losgehen sollten. Es gäbe zu viele Ziele. Sie würden zu keinem
Ende gelangen.

Der verschlungene Kamp und die ausufernde Thaya würden Sie an der Nase
herumführen. Man würde Ihnen Tiere zeigen, die Sie schon für ausgestorben
hielten, und Pflanzen, die Sie zuletzt in der Kindheit gesehen und gerochen
hatten. Sie hingen Illusionen nach, fühlten sich als Entdecker, glaubten,
das Land gehörte Ihnen allein. Dann, nach fünf Stunden, kämen Ihnen erste
Wanderer entgegen. (An milden Sonntagen vielleicht schon nach drei Stunden.)
Sie müssten teilen.

Ersparen Sie sich die Enttäuschung. Bleiben Sie in der Wachau. Besuchen Sie
die Ruine Dürnstein, kleben Sie dicht an den Fersen Ihres Vordermannes.
Vielleicht führen diese am Abend in die gleiche Heurigenstube, die auch Sie
gewählt haben. Die Kamptalstauseen Ottenstein, Dobra und Thurnwald, weit weg
vom Schuss, haben Trinkwasserqualität. Was sagen Sie: Muss man einen Badesee
trinken können? Fünfeinhalb Tage in der Woche hätten Sie den See für sich.
Sie würden sich ein Boot ausleihen, würden anlegen, wo Ihnen beliebte,
würden jausnen, lesen, am Waldufer liegen, würden Ihren Terminkalender
studieren und hätten dabei ein schlechtes Gewissen, weil es Ihnen doch zu
gut ginge dafür, dass dieser Zustand nicht mehr lange anhalten würde. Lassen
Sie's.

Kommen Sie an einem der fünf heißen Sommersonntage um drei Uhr nachmittags.
Dann haben Sie es sich für immer abgewöhnt. Das Waldviertel "boomt" nicht.
Es ist seit 30 Jahren ein Geheimtipp. Es ist eines der besten Verstecke für
Menschen, denen es irgendwann gereicht hat, ständig etwas erreichen zu
müssen. Es ist ein Sammelbecken für kreative Geister, die sich ihre
Freiräume ohne Betriebsanleitung auszugestalten wissen. Diejenigen, die es
erkannt und erobert haben, hüllen sich darüber in Schweigen.

Die schönsten Plätze werden nicht verraten, damit sie es bleiben. Es sind
zudem alle sanfttouristischen Einrichtungen vorhanden. Man kann sie nahezu
unter Ausschluss der Öffentlichkeit für sich in Anspruch nehmen. Es gibt
Landgasthäuser, in denen man sich für die Preise geniert, die man dafür
zahlt, dass man dort sitzen und essen darf. Aber lassen Sie sich nicht
verwirren.

Fahren Sie nicht hin! Das Waldviertel lebt davon, dass Ihnen die Zeit dafür
zu knapp wird.

Daniel Glattauer - Der Standard 15.9.2000